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Goldene Hände für den Schliff edler Steine
09.11.2010 11:50:00
Eine Attraktion im Oktober 2010 in Suhl war im Waffenmuseum die Präsentation der Kunst der Edelsteingravur. Meister ihrer Zunft aus der Hochburg Idar-Oberstein stellten dieses seltene Handwerk vor.
Suhl – Am Abend ist Udo Juchem ziemlich heiser, und wahrscheinlich schwirrt ihm auch ein wenig der Kopf. So viel redet er sonst das ganze Jahr nicht in seiner Werkstatt. Dort sitzt er still und in sich gekehrt beim Arbeiten. Konzentration ist höchstes Gebot in seinem Handwerk, das zudem viel Fingerspitzengefühl und Kunstfertigkeit benötigt. Aber hier in Suhl sind er und sein Kollege Hans-Ulrich Pauly, der Innungsobermeister der Edelsteingraveure, ständig umringt von Besuchern und so etwas wie die Stars in diesem Raum. Die Leute schauen auf die kleine Werkbank, auf Juchems Finger, auf das winzige, gerade mal zwei Zentimeter große Bildchen, das unter seinen Händen entsteht und löchern ihn mit ihren Fragen.
Aber das lassen Udo Juchem und Hans-Ulrich Pauly gern und geduldig über sich ergehen. Sie freuen sich, wenn sich Menschen für ihr Handwerk interessieren, aber sie sind sonst selten unterwegs und zeigen meistens nur auf Messen etwas von den Geheimnissen ihrer Kunst. „Für uns ist das hier in Suhl eine ganz neue und positive Erfahrung“, sagt der Innungsobermeister mit einem sympathischen Lächeln, und man glaubt ihm das aufs Wort, obwohl die mitgebrachte Werkbank ständig von Zuschauern umringt ist.
Idar-Oberstein gilt als eine Hochburg der Edelsteingravur und ist berühmt in der ganzenWelt. Diese sehr spezielle Handwerkskunst, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Frankreich in die Hunsrück-Gegend kam, wird zumeist in Familienbetrieben ausgeführt. Auch bei den Paulys und bei Udo Juchem. In Paulys Betrieb wird heutigentags fast nur noch auf Bestellung gearbeitet, vor allem für Sammler, beispielsweise in Japan, in den USA, der Schweiz oder Holland. Übrigens hat das wertvolle Diadem der Edelsteinkönigin Julia Heß der Vater des Innungsobermeisters, Erwin Pauly, entworfen. Das Gold wird geschmückt von Topasen, Aquamarinen, Amethysten und Citrinen und ziert seit vierzehn Jahren die gekrönten weiblichen Häupter.
Die kleine, gut gelaunte Delegation aus Rheinland-Pfalz hat sogar eine Extra-Ausstellung mit Schmuckstücken aus verschiedenen Werkstätten mitgebracht. Bei deren Anblick gehen einem die Augen über, und diese exzellent gearbeiteten Stücke sind nun bis Jahresende im Waffenmuseum zu bewundern. Offen und gastfreundlich Auch eine solche Präsentation ist sehr selten. Gabriele Pauly, die ihren Mann begleitet, Fragen der Besucher beantwortet, und zum Besuch ihrer Region ermuntert, sagt: „Hier in Suhl ist das erst die zweite, bisher gab es nur eine in Tel Aviv.“ Aber sie hätten das sehr gern gemacht, nachdem sie vor einiger Zeit so herzlich nach Suhl eingeladen worden seien. Die Schau zeige einen kleinen Querschnitt über die Vielfalt der Verarbeitungsmöglichkeiten von Edelsteinen.
Thüringen, geschweige denn Suhl, kannte von den Idar-Obersteinern niemand. Die Ehrungen für den Medailleur Veit Döll (1750-1835), der auch als Edelsteinschneider berühmt wurde, die gleichzeitige Verleihung des Deutschen Medailleurpreises sowie das Münzsammlertreffen bringt sie mit besonders interessierten Menschen in Kontakt.
Aber auch über die Suhler, deren offene Art und ihre Gastfreundschaft, kann die kleine Abordnung nach diesem viertägigen Ausflug nur Gutes berichten. Die Stadt und die sie umgebende Landschaft – sie erinnere an ihre Heimat –gefalle ihnen sehr gut, bemerken sie unisono. Innungsobermeister Hans-Ulrich Pauly würde nach diesen Erfahrungen gern in Kontakt mit der Stadt bleiben. Er kann sich vorstellen, die auszubildenden Graveure in Idar-Oberstein und die jungen Leute von der Büchsenmacherfachschule zusammenzubringen, vielleicht auch einmal einen Wettbewerb zwischen ihnen zu veranstalten.
Ereignisse von dieser Ausstrahlung, wie sie das kulturelle „Wochenendpaket“ bot, sind selten in Suhl. Die Stadt wimmelte von interessierten, sachkundigen Menschen aus ganz Deutschland, die sich vom Medailleurpreis und dem Mitteldeutschen Münzsammlertreffen angezogen fühlten und – sich prächtig fühlten in Suhl, wie man allenthalben zu hören bekam in den Gesprächen.
Prächtig fühlten sich auch die Mitarbeiter desWaffenmuseums, wo sich die Gäste immer wieder die Klinke in die Hand gaben und dort fast so etwas wie ein kleine Kommunikationszentrum während dieser drei Tage entstand. Nicht zuletzt dank der sympathischen Idar-Obersteiner, die mit ihrer seltenen Handwerkskunst viele neugierige Blicke auf sich zogen und noch mehr neugierige Fragen beantworten mussten. Sage und schreibe 1200 Besucher wurden am Samstag und Sonntag in den Räumen des Museums gezählt. So etwas ist hier in der Statistik wie Ostern und Weihnachten zusammen.
Da haben sich einmal pfiffige Menschen im Kulturamt, im Waffenmuseum, im Münzfreundeverein zusammen getan, sich Partner gesucht, und gezeigt, was alles möglich ist in Suhl, wenn viele an einem Strang ziehen. Auch mit Menschen, denen die Materie, um die es geht, eigentlich fremd ist. Beispielsweise Ralf Schmidt, Angestellter im Umweltamt der Stadt, und mit einem großen Faible fürs Gestein. Der lief angesichts seiner Aufgabe, etwas über Veit Döll als Edelsteinschneider für eine Gedenkausstellung herauszufinden und zusammen zutragen, zur Höchstform auf. Mit Beharrlichkeit und Besessenheit suchte und fand er historische Zeugnisse, bewegte in verschiedenen deutschen Museen und Sammlungen die dortigen Fachleute, Exponate zu Johann Veit Döll für eine gewisse Zeit zu einer Ausstellung im entfernten Suhl zu verleihen. Und Schmidt war auch derjenige, der die exzellenten Idar-Obersteiner Edelsteingraveure samt einer kleinen Schau ihrer Kunst nach Suhl bewegen konnte.
Beim Festakt zu Ehren von Döll und der Verleihung des Deutschen Medailleurpreises saß einer still auf der Kirchenbank und wird sich innerlich ganz besonders darüber gefreut haben, was seit der ersten Preisvergabe 2006 bis heute daraus wurde: Matthias Rolfs. Damals war er Kulturamtsleiter, und damals hat auch er mit Besessenheit und mit Partnern darum gekämpft, aus diesem bis dato regionalen Kunstpreis einen gesamtdeutschen zu machen. Suhl stünden noch mehr solche „Ermöglicher“ gut zu Gesicht.
Text: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lilian Klement – Freies Wort, Suhl





















